DEM WEGGEHN ZUGEWANDT

 
 

„Es hat einen Moment gegeben, in dem ich mir gesagt habe: „Ok, ich werde in sehr absehbarer Zeit sterben, und ich gehe jetzt diesem Zustand entgegen.“ Ich habe mich sozusagen in eine andere Richtung, zum Weggehen, gewandt. Das ist erstaunlicherweise sehr befreiend. [...] Angst habe ich schon lange nicht mehr, wobei auch das ein Naturzustand ist, für den ich nichts getan habe. Jetzt ist ein Zustand der Leichtigkeit eingetreten. Die Zuwendung zum Tod hindert mich nicht, das zu tun, was ich jetzt an Lebendigem noch zusammenbringe. Ich schreibe zum Beispiel viel lieber als früher.“        Ilse Helbich

 

Die tiefsten gespeicherten Erinnerungen, die Menschen bleiben, wenn sie beginnen zu vergessen, sind Musik. Wenn die kognitiven Fähigkeiten nachlassen, verschwindet die Erinnerung an die tatsächlichen Vorgänge, die Gefühle ausgelöst haben, doch die Erinnerung an das Gefühl selbst bleibt in der Musik gespeichert. Wir vergessen den Namen unserer ersten Liebe, und wir vergessen, dass uns ein bestimmtes Lied beim ersten Kuss begleitete, doch wenn wir es wieder hören, ist das Gefühl von Wärme und Liebe wieder da. Selbst bei Wachkomapatienten und Demenzkranken lassen sich diese Reaktionen nachweisen. Die Musik erreicht Ebenen, die anders nicht mehr zugänglich wären, eine irrationale Brücke in die eigene Vergangenheit und ein letzter Zugang zur eigenen Identität.
Wie klingt Erinnerung von ihrem letzten Anker her? Wie klingt Liebe, Schmerz und Kindheit?

In einer Erzählung der 87-jährigen Schriftstellerin Ilse Helbich schreit eine Enkelin ihre Großeltern an: „Ihr könnt mir nicht helfen, denn ihr seid alt, alt und darum böse“
Alt Sein will heute niemand, und doch sind es sehr viele. Abhängigkeit, körperlicher und geistiger Abbau, davor haben wir alle Angst. Dabei hüten alte Menschen einen Schatz, der meist ungehoben verkümmert: Ihre Erfahrung. Sie haben alles schon einmal erlebt: Liebeskummer, Existenzangst, Trennung, Verlust, beruflichen Erfolg und Misserfolg. Doch kaum einer fragt sie danach. Wer alt wird, wird oft stumm.
Gleichzeitig bedeutet Alter Freiheit. Die Freiheit, nichts mehr leisten zu müssen. Sie dürfen einfach existieren. Ein Luxus. Ein junger Mensch würde sich diesen Zustand angesichts des Leistungsdrucks einer kapitalistischen Gesellschaft vielleicht wünschen. Oder wird die Existenz ohne Aufgabe zur Last? Was wissen die Alten, die wir sonst nicht fragen? Was lernt man im Lauf eines Lebens? Kann die Freiheit des Alters als positive Sehnsucht erzählt werden?

DEM WEGGEHEN ZUGEWANDT erzählt musikalisch vom Kampf älter werdender Menschen gegen das Vergessen, Verschwinden und Verstummen.
Ein sechzig köpfiger Chor alter Menschen, entwickelt gemeinsam mit dem Solistenensemble Kaleidoskop, dem Komponisten Jochen Neurath, der Demenz-Forscherin Manuela Kerer und acht Darstellern eine Komposition für alte Stimmen und Orchester.
Das stückweise Verstummen der eigenen Stimme wird zum Bild einer zunehmenden privaten Isolation, als auch einer gesellschaftlichen Irrelevanz. Ausgangspunkt der szenisch-kompositorischen Arbeit sind acht Musikstücke, die mit biographischen Momentaufnahmen alter Menschen verknüpft sind: Wiegenlieder, Tanzlieder, Kinderlieder, Volkslieder, Geräusche, Radiosongs oder Melodien. Sie dienen als Trigger, der die Erinnerung an die damit verbundene Geschichte stückweise zusammensetzt oder zerlegt.
Die neurologischen Prozesse des Erinnerns und Vergessens werden in eine musikalische Struktur übersetzt. Zwischen den einzelnen Stimmen der Darsteller und den Musikern des Orchesters einsteht ein stimmlich-musikalisches Zweigespräch. Der Chor wird zum Sprachrohr der einzelnen verstummenden Stimme, vergrößert sie, verschafft dem überbordenden Innenleben Gehör, während der Radius des tatsächlich Erlebten immer kleiner wird. Wie eine Welle schwappt das Tutti über den Einzelnen hinweg, in dem Maße wie er den Kontakt zur Außenwelt zunehmend verliert. Die einzelne erzählte Geschichte bleibt ein Bruchteil dessen, was vielleicht zu erzählen wäre. Ein kurzes Heraustreten aus dem Chor. Viele Geschichten bleiben unausgesprochen.
Die Komposition arbeitet bewusst mit der Spezifik der alten Stimme und deren besonderer erzählerischer Kraft. Ein spezielles flexibles Kompositionssystem, basierend auf Verabredungen und nicht auf einer bis ins letzte festgelegten und notierten Komposition, integriert musikalischen Laien mit ihrer besonderen Präsenz in die Arbeit professioneller Musiker. Scheinbar alltägliche Materialien erhalten durch ihre genaue musikalische Bearbeitung  eine erzählerische Besonderheit und theatrale Vergrößerung.

Dem Projekt geht eine breit angelegte Recherche und Community-Arbeit voran. Gemeinsam mit  Kooperationspartnern wird der Chor in mehrmonatiger Arbeit aufgebaut und stückweise an die Arbeit herangeführt. Die Recherche wird in einem multimedialen Archiv sichtbar, der Arbeitsprozess über eine Website öffentlich einsehbar gemacht.